Interview: Industrie 4.0

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Einmal im Jahr fragt der Fachverband die Mitgliedsunternehmen nach ihrem Industrie 4.0-Level. Ziel ist es, zu erfahren, inwieweit Vernetzung und Digitalisierung in den Produkten der Unternehmen sowie in der eigenen Produktion bereits verankert sind. Die aktuellen Ergebnisse haben wir mit Prof. Dr.-Ing. Johannes Fottner vom Lehrstuhl für Fördertechnik Materialfluss Logistik (fml) an der Technischen Universität München diskutiert.

Herr Prof. Fottner, wie bewerten Sie die vorliegenden Ergebnisse?
Prof. Johannes Fottner: Es sind ja zwei verschiedene Aspekte. Die Rückmeldungen zum Stand von Industrie 4.0 in der eigenen Produktion sind in ihrer breiten Ausprägung durchaus realistisch. Auch dass so wenige hier einen Wert von über 50 Prozent angeben, verwundert mich nicht. Auf Produktebene zeigt sich in den Ergebnissen die Heterogenität der Branche. Nicht für jedes Produkt ist Digitalisierung notwendig oder sinnvoll. Für Logistiksysteme ist 4.0 ein Muss. Ohne Vernetzung und Kommunikation zwischen einzelnen Komponenten sind diese Systeme nicht vorstellbar. Für andere Produkte – und das zeigen die Bewertungen – spielt das keine oder noch keine Rolle.

Johannes Fottner, Technische Universität München

Welche Produktgruppen sind Ihrer Meinung nach Vorreiter und warum?
Prof. Johannes Fottner: Was früher die Hardware an Variantenvielfalt geleistet hat, gilt heute für die Software. Verschiedenste und vor allem zahlreiche Features lassen sich über Software realisieren. Insofern sind Produkte mit Softwareanteil grundsätzlich schon 4.0-fähig. Auch Produkte aus dem Bereich Sensorik sind sehr weit. Ich sprach eben schon die Logistiksysteme an. Hier kann man neben dem reinen Produkt auch die Geschäftsmodelle inklusive Service mitzählen. Condition Monitoring ist hier ein Stichwort. Generell gilt, der Realisierungsgrad ist stark von der Kreativität und Innovationsbereitschaft des Kunden abhängig. Es geht ja grundsätzlich darum die Wertschöpfungskette zu optimieren. Hier haben Systemlieferanten sicherlich die besseren Möglichkeiten und sind deshalb Vorreiter.

Wie weit geht der Industrie 4.0-Gedanke noch und wo hat er Grenzen?
Prof. Johannes Fottner: Wir werden immer vernetzte und nicht vernetzte Komponenten haben. Ich sagte ja bereits, es geht darum Prozesse zu optimieren. Dafür werden in jedem Fall intelligente Komponenten benötigt, die Informationen verarbeiten und auswerten können und sich auch mit anderen Komponenten austauschen. Hier sind wir noch nicht sonderlich weit. Für neue Produkte ist diese Entwicklungstendenz sicher kein Problem. Aber was ist mit den bestehenden? In der Intralogistik haben wir es unter anderem mit Anlagen und Systemen zu tun, die 10, 20 oder 30 Jahre lang in Betrieb sind. Diese zu vernetzen und aufzurüsten, kostet Geld. Hier stellt sich mit dem Kostenfaktor die Sinnfrage: welche Komponenten sind es wert? Aus Kundensicht gesprochen, wird ja nur gekauft, was auch gebraucht wird. Insofern haben auch in Zukunft nicht vernetzte, nicht digitalisierte Intralogistiklösungen einen Platz. Darüber hinaus ist es nicht nur eine Frage der Produkte, sondern auch der Geschäftsmodelle. Oder anders gefragt: Ist die Funktion die Vernetzung oder bietet die Vernetzung zusätzliche Funktionen?

Welche Bedeutung messen Sie dem Thema Industrie 4.0 für die Intralogistik bei?
Prof. Johannes Fottner: Es hat eine herausragende Bedeutung. Industrie 4.0 ist aus dem Internet-der-Dinge-Gedanken in der Intralogistik hervorgegangen. Es ging darum das Dilemma zwischen Flexibilität und Automatisierung aufzulösen. Denn früher ging nur eines von beidem. Die Branche stand vor der Aufgabe für einen höchst volatilen dynamischen Markt Lösungen zu entwickeln. Das ist der Ursprung von Industrie 4.0: Nachhaltigkeit mit Flexibilität und Anpassungsfähigkeit zu verbinden.

Industrie 4.0 ist kein Marketinginstrument, es ist ein Produktivitäts- und Effizienztreiber. Alle Systeme und Lösungen zielen nur darauf ab, die Effizienz zu steigern. Früher musste das hardwareseitig gelöst werden. Heute haben wir die Möglichkeit, eine Vielzahl von Daten zu erfassen, auszuwerten und darauf basierend Prozesse entsprechend zu koordinieren. Darum geht es und dafür muss die Intralogistik anpassungsfähig sein. Und es wird zunehmend erwartet, dass sie kooperativ oder selbstlernend ist und sich selbst konfigurieren kann.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Fottner.