Fraunhofer-Studie: „Urban farming in the city of tomorrow”

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Die Fakten: Bis 2050 werden 66 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Das sind mehr als 6 Milliarden Menschen. Gleichzeitig sind bereits 80 Prozent der weltweiten Ackerflächen in landwirtschaftlicher Nutzung. Das heißt, die Möglichkeiten sind fast ausgeschöpft. Wie lassen sich die Bewohner der künftigen Megacities versorgen? Eine Idee ist das Urban Farming, also die Produktion von Lebensmitteln in der Stadt.

Welche Potenziale die Lebensmittel- und Algenproduktion im urbanen Raum hat, untersucht eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart im Rahmen des Innovationsnetzwerkes Morgenstadt. Die Studie „Urban farming in the city of tomorrow” gibt dabei einen Überblick über die Möglichkeiten der städtischen Nahrungsmittelversorgung und beleuchtet die Anbaumethoden und -technologien.

Der Fokus liegt besonders auf dem Pflanzenanbau in Innenräumen und Mikroalgenkultivierung sowie auf dem dafür notwendigen Technologieeinsatz, wie bspw. künstliche Beleuchtung und dem Einsatz von Sensorik und Automatisierungsprozessen. Darüber hinaus untersuchte das Fraunhofer IAO die ökologischen Auswirkungen sowie wirtschaftliche und soziale Aspekte, aber auch Chancen und Herausforderungen von Urban Farming. Einige wesentliche Vorteile dieser Art von Pflanzenanbau liegen auf der Hand: Sie ist wetter- und jahreszeitenunabhängig, kann auf Pestizide verzichten sowie effizient und zielgerichtet bewässern. Dass die Erzeugung und die Abnahme durch den Endverbraucher räumlich so nah beieinander liegen, vereinfacht darüber hinaus auch die Logistik wesentlich. Der Link zur Intralogistik ist damit nicht weit.

Die Studie kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Marielisa Padilla und Sophie Mok vom Fraunhofer IAO sind Autorinnen der Studie. Wir sprachen mit ihnen unter anderem über den Einsatz von Intralogistiklösungen für Urban Farming.

Frau Mok, welches Potenzial sehen Sie generell im Bereich Urban Farming?

Sophie Mok: Angesichts der wachsenden Bevölkerung gerade in den Städten kommt es künftig noch mehr auf die Versorgungssicherheit und die bedachte Nutzung der natürlichen Ressourcen an. Urban Farming verspricht durch eine effiziente Flächennutzung frische und lokale Lebensmittel für die Stadtbewohner. Auch vor dem Hintergrund des gestiegenen Bewusstseins für eine gesunde Ernährung durch pestizidfreie und regionale Produkte bietet das Konzept Urban Farming Potenzial.

Was hat Sie bei der Erarbeitung der Studie am meisten überrascht?

Marielisa Padilla: Wir haben uns bei der Betrachtung bestehender Initiativen ursprünglich auf Deutschland, Spanien und Norwegen konzentrieren wollen. Es hat sich jedoch schnell gezeigt, dass es in Europa weniger Projekte gibt als angenommen. Deshalb haben wir den Fokus schließlich weltweit ausgerichtet und waren überrascht, wie viele Urban-Farming-Initiativen es auf anderen Kontinenten gibt. Auch die Vielfalt der Aktivitäten hat uns überrascht. Deutlich wurde jedoch auch, dass es in jeder Hinsicht an validen Daten und Studien fehlt.

Welchen Stellenwert messen Sie dabei dem Thema Logistik zu?

Sophie Mok: Da sehen wir zwei wichtige Bereiche, zum einen innerhalb der Farm selbst. Hier geht es um Prozesse, wie beispielsweise die Entwicklung energieeffizienterer Technologien und Prozesse, die Gestaltung der Ernteprozesse oder die Rohstoffversorgung. Verbunden damit ist auch die Frage nach den Automatisierungsmöglichkeiten und wann diese sinnvoll sind. Zum anderen ist es die Logistik in der Stadt selbst: Wie kann urbane Lebensmittelproduktion bestmöglich in eine städtische Kreislaufwirtschaft eingebunden werden und wie kommen die Produkte möglichst schnell, effizient und frisch zum Verbraucher, Stichwort „Letzte Meile“. Auch das Thema e-Commerce spielt hier mit hinein. Logistik ist im Zusammenhang mit Urban Farming sehr wichtig.

Welche Intralogistiklösungen halten Sie für den Bereich Urban Farming für interessant?

Marielisa Padilla: Wenn wir uns Farmen in einem Lager vorstellen, kommen Hochregallager zum Einsatz, für die entsprechende Handlingsysteme notwendig sind. Das ist im Grunde wie in jedem anderen Lager auch, nur dass in den Regalen keine Paletten mit Artikeln lagern, sondern Pflanzen wachsen. Auch im Ernteprozess oder generell für den Material- und Rohstofftransport kommt Intralogistik im wahrsten Sinne des Wortes zum Tragen. Generell hängt es vom Farm-Konzept ab, ob und wie viel oder wie automatisiert die Prozesse laufen. Große Flächen müssen effizienter und mit einem größeren Automatisierungsgrad bewirtschaftet werden als kleine Flächen. Deshalb könnte hier also mehr Intralogistik eingesetzt werden.

Wann glauben Sie, wird Urban Farming richtig marktfähig?

Marielisa Padilla: Eine Jahreszahl kann ich natürlich nicht nennen. Wir gehen aber davon aus, dass in den nächsten 10 bis 20 Jahren die wichtige Meilensteine für die zukünftige Expansion erreicht werden. Das betrifft zum Beispiel die Herausforderungen im Bereich Energieverbrauch und -kosten oder die eben schon genannten notwendigen produktbezogenen Entwicklungen der Technologien für den Anbau.

Generell bedarf es auch auf städtischer Seite ein Umdenken. Bauvorgaben müssten für Urban Farming angepasst werden. Die Städte müssten sich generell überlegen, wie sie Urban Farming in ihr Städtebaukonzept einbinden können und inwieweit sie es fördern möchten. Um so etwas zu institutionalisieren, braucht es Zeit. Wir sehen aber Offenheit und großes Interesse auf Seiten der Stadtverwaltungen für das Thema.

Vielen Dank für das Gespräch.