Blockchain: vom Hype in die Realität

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„Blockchain-Technologie in der Supply Chain“ heißt das kürzlich bei Springer Vieweg erschienene Buch von Dr. Johannes Hinckeldeyn, Oberingenieur am Institut für Technische Logistik an der Technischen Universität Hamburg (TUHH). Bereits vor zwei Jahren sprachen wir mit ihm über das damals stark gehypte Thema – ein guter Grund, noch einmal nachzuhören, wie sich die Blockchain-Technologie seitdem entwickelt hat.

Herr Dr. Hinckeldeyn, blicken wir auf die letzten zwei Jahre zurück. Was hat sich aus Ihrer Sicht bei Blockchains getan?

In den vergangenen zwei Jahren sind die Kryptowährungen eingebrochen, siehe Bitcoin. Das liegt vor allem an ICOs (Initial Coin Offerings) und den damit verbundenen Möglichkeiten, Crowdfunding über Blockchain zu betreiben. Diese werden mittlerweile viel stärker reguliert und das hat auch die Spekulationen zurückgedrängt, was ich positiv bewerte. Aus meiner Sicht besonders interessant sind die Entwicklungen bei Unternehmensanwendungen, die sich von der Kryptowährung wegbewegen. Der B2B-Bereich wächst und der Markt differenziert sich langsam aus. Das heißt, wir kommen weg von den abgedrehten Start-up-Ideen und hin zu ernsthaften Unternehmensanwendungen. Es gibt eine Reihe von Machbarkeitsstudien, die Potenziale für Blockchains aufzeigen und aber auch, welche Use Cases nicht geeignet sind. Zum Beispiel gab es die Idee, den Regenwald zu retten, indem man Bäume über Blockchain trackt. Nachverfolgbarkeit und Transparenzverbesserung sind insgesamt sehr interessante Themen für Blockchain-Anwendungen, aber eben längst nicht für alle Bereiche.

Dr. Johannes Hinckeldeyn, Institut für Technische Logistik an der Technischen Universität Hamburg (TUHH)

Wie bewerten Sie die Entwicklung von Use Cases mit Blockchain-Technologien in den letzten zwei Jahren?

Da gibt es einige sehr interessante Projekte unter Hyperledger, einem Dachprojekt von verschiedenen Open-Source-Blockchains. An bekannteren arbeiten zum Beispiel IBM in Hyperlegder Fabric oder Intel in Hyperledger Sawtooth. Darüber hinaus gibt es hier eine Special Interest Group für Supply Chain und Logistik und das Projekt Hyperledger Grid, welches sehr stark von der Firma Cargill unterstützt wird. Die Projekte unter Hyperledger werden durch die Linux Foundation unterstützt, was dem Open-Source-Gedanken deutlich entspricht.

Aus deutscher Sicht ist IOTA unbedingt zu erwähnen, die auch stark auf Industriekooperationen setzen, z.B. mit Volkswagen. Zusätzlich gibt es noch das Industrial IOTA Lab Aachen, das neben Distributed-Ledger-Technologien (hauptsächlich IOTA) auch in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Maschinenökonomie, Machine-to-Machine-Kommunikation und dem industriellen Internet der Dinge arbeitet.

Auch Ethereum arbeitet mit ihrer Ethereum Enterprise Alliance in Richtung B2B und überträgt seine Frameworks auf private Blockchains für Unternehmen. Auf dieser Basis hat die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) ein Projekt zur Nachverfolgbarkeit in der Blechverarbeitung umgesetzt. Insgesamt beobachten wir, dass große Unternehmen mehr Entwicklungskapazität für Blockchain-Projekte bereitstellen.

Das Buch „Blockchain-Technologie in der Supply Chain“ von Dr. Johannes Hinckeldeyn, Oberingenieur am Institut für Technische Logistik an der Technischen Universität Hamburg (TUHH) ist hier über Springer Vieweg erhältlich.

Zu Ihrem Buch: Ist es als Einstiegslektüre gedacht?

Ja, das ist es. Im ersten Teil des Buchs erkläre ich die Basics von Blockchain mit Bezug auf den B2B-Bereich. So spielt Kryptowährung nur insofern eine Rolle, wie es für Unternehmensanwendungen relevant ist. In der zweiten Hälfte stelle ich dann eine Reihe von Beispielen und Use Cases für die Logistik und Supply Chain vor, um zu zeigen, was bereits wo mit welchen Mitteln möglich ist. Das Buch gibt also eine gute Übersicht über das Thema Blockchain für Unternehmen. Für das kommende Jahr ist bereits ein Nachfolgebuch geplant.

Sie führen verschiedene Anwendungen und Projekte auf. Was davon hat aus Ihrer Sicht das größte Potenzial, sich dauerhaft zu etablieren?

Das ist nicht so leicht zu beantworten, weil aktuell sehr viel Bewegung im Markt ist. Ein Beispiel: Ich beschreibe im Buch die Hyperledger-Tradelens-Plattform, auf der verschiedene Handelspartner digitale Lieferketten erstellen und koordinieren können und bewerte es als Manko, dass bis dato nur eine Reederei an Bord war. Bis zum Veröffentlichungstermin des Buchs war das der Stand der Dinge. Aber just kürzlich sind weitere Reeder eingestiegen, sodass die Plattform nun wirklich Netzwerkcharakter bekommt und aus meiner Sicht eine gelungene Blockchain-Anwendung ist.

Potenzial haben auch Use Cases, die sich mit dem „Proof of Location“ beschäftigen. Da gibt es beispielsweise das FOAM-Protokoll, das unabhängig von GPS Positionsdaten Blockchain-basiert erstellt und speichert. Ziel ist es, über Funkstandards dezentrale Netze aufzubauen, in denen Positionen von beliebigen Objekten getrackt werden können. Diese Positionsdaten zu bestimmen oder anwenderseitig gedacht, die Position eines Objekts unabhängig und sicher zu bestätigen, könnte eine interessante Dienstleistung sein.

Der Einsatz von Blockchain-Technologien stand bei unserem letzten Gespräch noch vor Herausforderungen wie Skalierbarkeit, Sicherheit und unklare Rechtslage sowie einem hohen Energieverbrauch. Ist das immer noch so? Was hat sich verbessert oder möglicherweise noch verschärft?

So positiv sich konkrete Anwendungen entwickelt haben, gleiches kann man leider im Hinblick auf Skalierbarkeit, Rechtssicherheit und Energieverbrauch nicht sagen. Man arbeitet an der Entwicklung neuer Konsensmechanismen, weg vom rechenintensiven „Proof of Work“. Gerade im Unternehmensbereich braucht es diese Form nicht unbedingt. Hier könnten sich andere Protokolle durchsetzen, die sich positiv auf Skalierbarkeit und Energieverbrauch auswirken.

Darüber hinaus gibt es viele Standardisierungsinitiativen. So entsteht bspw. eine ISO-Norm, die sich zunächst mit der Findung und Definition der relevanten Begriffe beschäftigt. Dann gibt es noch die Blockchain in Transport Alliance (BITA), die verschiedene Frameworks, also Blockchain-Modelle, erarbeitet. Hier wurden schon Standards zu Trackingdata und Location auf den Weg gebracht. Im Bereich Rechtssicherheit ist leider in den vergangenen zwei Jahren wenig passiert, ebenso wenig wie auf politischer Ebene.

Gibt es neue Ansätze bei Blockchain-Technologien?

Wir sehen, dass die Zeit der ganz verrückten Ideen vorbei ist. In diesem Zusammenhang hat die Abkühlung um den Bitcoin ganz gutgetan. Bis dato hat die Anwendernähe gefehlt und genau daran wird nun ernsthafter gearbeitet. Man kann auch sagen, dass jetzt einfach ein gewisser wirtschaftlicher Druck für eine Ideen-Selektierung sorgt.

Spielt 5G eine Rolle für Blockchain-Technologien?

Absolut, 5G ist ja insbesondere für das Internet of Things (IoT) relevant. Wenn es darum geht, mehr Daten sicherer und schneller auszutauschen, ist 5G für Blockchain-Anwendungen im IoT-Bereich sehr interessant. Das könnte beispielsweise für das autonome Fahren infrage kommen oder im Bereich Identifikation. Wenn eine bessere Verfügbarkeit von Funkstandards besteht, können wir ganz andere Möglichkeiten zur Identifizierung nutzen. Man könnte eine gesicherte Identität in der Blockchain ablegen, die dann wiederum zur Identifikation bei unterschiedlichsten Diensten genutzt werden kann. Ich sehe da tatsächlich viele Synergiemöglichkeiten.

Vielen Dank für das Gespräch.