Brexit-Countdown in der Intralogistik

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Am 31. Dezember 2020 endet die Übergangsfrist für den Brexit. Der aktuelle Stand der Verhandlungen deutet auf einen harten Brexit hin, sofern sich die Beteiligten in den kommenden Wochen nicht einigen. Auch für die Unternehmen der Intralogistikbranche bedeutet diese Hängepartie eine weitere Belastung – zusätzlich zur Corona-Pandemie.

Für deutsche Intralogistikanbieter ist Großbritannien der viertgrößte Abnehmermarkt in Europa – nach Frankreich, den Niederlanden und Italien. 2019 lag der Exportwert für Fördertechnik- und Intralogistikprodukte bei 734 Millionen Euro. Am meisten wurden Flurförderzeuge, Mobilkrane und Produkte aus dem Bereich Lagertechnik exportiert. Zahlreiche Anbieter haben über die vergangenen Jahre und Jahrzehnte eigene Produktions- und Vertriebskapazitäten in Großbritannien aufgebaut. Eine aktuelle allgemeine Einschätzung zur Marktsituation für den Maschinenbau in Großbritannien finden Sie hier.

Die Auswirkungen eines Brexits ohne Abkommen hat Auswirkungen auf unterschiedlichste Faktoren. Die Abwicklung von Arbeitseinsätzen in Großbritannien wird dadurch komplizierter, weil Großbritannien so völkerrechtlich zum Drittstaat würde. Dies gilt auch für zollrechtliche Aspekte, auf die sich die Unternehmen jetzt schon vorbereiten sollten.

Noch besteht die Möglichkeit, dass Großbritanniens dem EWR beitritt. Da die EU-Verordnungen zur sozialen Sicherheit ebenfalls in allen dem EWR zugehörigen Staaten Anwendung finden, ergeben sich in diesem Fall keine Änderungen im Sozialversicherungsrecht.

Auswirkungen hätte ein harter Brexit auch auf die Verwendung der CE-Kennzeichnung an bestimmten Produkten. Hier soll sich die Übergangsfrist im Vereinigten Königreich jetzt doch bis 31. Dezember 2021 erstrecken.

Der VDMA bietet zum Thema Brexit im November zwei Online-Events an:

  • Am 12. November 2020 findet eine Webkonferenz exklusiv für VMDA-Mitglieder statt. Themen sind der aktuelle Stand der Verhandlungen, Arbeitseinsatz in Großbritannien sowie Auswirkungen auf Waren- und Vertragsabwicklungen. Anmeldungen sind hier möglich.
  • Am 23. November 2020 organisiert der VDMA ein Online-Expertengespräch zu Arbeitseinsätzen in Großbritannien an. Im Fokus der Veranstaltung stehen u.a. die Erbringung von Dienstleistungen ab 2021, der Datentransfer post-Brexit, was bei Inbetriebnahmen oder Serviceeinsätzen ab dem 1. Januar 2021 zu beachten ist, welche Visa bzw. Arbeitserlaubnisse erforderlich und wie es um Übergangsfristen steht. Auch diese Veranstaltung ist exklusiv für VDMA-Mitglieder. Anmeldungen sind hier möglich.

 

Wo liegen für Intralogistikanbieter aktuell die Herausforderungen in Sachen Brexit? Zwei Meinungen aus Mitgliedsunternehmen:

Gordon Riske, Vorstandsvorsitzender der KION GROUP AG sowie Vorstandsvorsitzender des VDMA-Fachverbandes Fördertechnik und Intralogistik.

„Die KION Group hat als globaler Intralogistikanbieter mit weltweiten Warenströmen natürlich auch Geschäft in Großbritannien. Je nach Ausgang, ob harter Brexit oder nicht, gibt es verschiedene Szenarien mit unterschiedlichen Implikationen, auf die wir uns intensiv vorbereitet haben – z.B. durch eine starke Mietflotte, mit der wir Kundenbedarfe sehr kurzfristig bedienen können, falls Importe durch komplexe Zollabwicklungen verzögert werden. Das Servicegeschäft wird ohnehin durch eine landesweite lokale Organisation betrieben. Daher kann man aktuell eigentlich nur so viel sagen: Auch nach dem Brexit bleibt UK ein für uns relevanter Markt. Und klar ist ebenfalls: Auch nach dem Brexit werden unsere Kunden in UK sowohl Flurförderzeuge als auch softwaregetriebene Supply Chain-Lösungen brauchen.“

Steffen Bersch, CEO SSI Schäfer Gruppe

„Als international führender Anbieter von Intralogistiksystemen ist und bleibt Großbritannien ein wichtiger Markt für SSI Schäfer. Wir haben verschiedene Strategien definiert, um unser Geschäft aufrechtzuerhalten, je nachdem in welche Richtung die Entscheidung getroffen wird.

Die greifenden Maßnahmen zielen auf zwei zentrale Bereiche: Da sich unsere acht weltweiten Produktionsstätten außerhalb Großbritanniens befinden, werden wir zunächst sicherstellen, dass der Warentransport nach Großbritannien so reibungslos wie möglich verläuft. Betrachtet man die WTO-Regeln, sind unsere Kunststoffbehälter die einzigen Produkte, die Einfuhrzöllen unterliegen. Alle Stahlprodukte und Maschinen sind derzeit von Zöllen befreit. Wir erwarten jedoch einen allgemeinen Anstieg der Transportkosten und Agenturgebühren sowie einen deutlichen Rückgang des Wechselkurses. All dies bedeutet, dass der Import grundsätzlich unter schwierigeren Vorzeichen stehen wird.

Ein weiteres zentrales Element ist die Stärkung unserer lokalen Teams. Da das Reisen mit Visa und anderen Einschränkungen vermutlich komplizierter wird, müssen wir dafür sorgen, dass unsere Experten vor Ort die Abwicklung der verschiedenen Kundenprojekte optimal durchführen können. In jedem Fall bleiben wir an der Seite unserer Kunden und unterstützen sie mit unserem Know-how und der breiten Produkt- und Systemwelt von SSI Schäfer.“